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60 JAHRE NATIONALTHEATER MANNHEIM AM GOETHE-PLATZ

14.01.2017 | Konzert/Liederabende

60 JAHRE NATIONALTHEATER MANNHEIM AM GOETHE-PLATZ“ – 13.01.2017

 Nach der Freischütz-Aufführung legte eine Air-Force-Fliegerbombe am 04. September 1943 das alte ehrwürdige Nationaltheater Mannheim am Schillerplatz in Trümmer, in derselben Nacht fiel der größte Teil von Mannheims Innenstadt ebenso in Schutt und Asche. Während jener verhängnisvollen Stunden schlummerte der Rezensent  jenseits der Rheinseite vermutlich friedlich in den Windeln.

Jedoch das Nationaltheater und sein Publikum: Das ist ein weites Feld, mit Anekdoten reich bestückt! Wer zweifelte wohl je daran, dass Mannheim eine Stadt ist, die um ein Theater herum gebaut wurde, wie der Volksmund stolz berichtet? Eine Stadt, in der nur ein einziger Bewohner vom Theater nichts versteht, der „jeweilige Intendant“! So wurde nach den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren berichtet: in einem Volksentscheid (das waren noch demokratische Zeiten!!!) zogen die Mannheimer den Neubau des Nationaltheaters, dem eines Fußball-Stadions vor – dafür schlug der damalige OB Dr. Hermann  Heimerich jenen Plan der Theaterlotterie vor, deren Erlös die Finanzierung des Neubaus mithelfen sollte. War zwar von diesem Schelm als Test gedacht – doch sollte er sich über seine Bürger wundern, sie bestanden glänzend. Die erste Tombola erbrachte im Sommer 1952 an hundert Verkaufstagen stolze 650 000 DM, eine zweite stockte diese Spende aus den Taschen der Bürger um weitere 450 000 DM auf. Die eindrucksvolle Willensbekundung  der Mannheimer,  jener Epoche deutscher Nachkriegsgeschichte machten es dem Gemeinderat sowie dem Landtag in Stuttgart leichter, den Neubau für 19 Millionen zu genehmigen. Doch zuvor spielte man Oper und Schauspiel auf der 8×4 Meter-Bühne der „Schauburg“ einem Filmtheater.

Am 13. Januar 1957 war es dann soweit, der Vorhang hebt sich im Großen Haus zur „Freischütz-Premiere“ des neuen Nationaltheaters am Goetheplatz nach Entwürfen des Architekten Gerhard Weber. Im Kleinen Haus hatten zudem „Die Räuber“ von Schiller ebenfalls Premiere. Im Herbst desselben Jahres wurde der Rezensent, dem Knabenalter kaum entronnen, von zwei kulturbeflissenen Damen erstmals in die Heilige Halle der Oper geschubst, leckte Opernblut, verfiel dem Genre mit Haut und Haaren, die klassische Musik schlechthin  entwickelte sich schließlich zur Lebens-Obsession.

Nun nach sechs ereignisreichen Theater-Jahrzehnten öffnete sich wiederum der Vorhang des inzwischen stark renovierungsbedürftigen Theaterbaus, beschwörte die Geister des Opernhauses und erweckte längst abgespielte legendäre Opern-Produktionen visionär zu neuem Leben:

Dazu gilt besonderen Dank den Herren der szenischen Einrichtung und Konzeption von Marco Misgaiski/Jan Dvorak sowie der Video-Projektionen durch Carl-John Hoffmann.  Operndirektor Marwin Wendt gestaltete die „Musikalische Zeitreise in sieben Bildern“. Als Conférencier führte Opern-Intendant Albrecht Puhlmann   durch den kurzweiligen Abend, interviewte u.a. das ehemalige Ensemble-Mitglied Robert Dean Smith, den anekdotenreichen Eduard Roth.

Zum Auftakt der nostalgischen Geburtstagfeier erklang wie vor 60 Jahren die Ouvertüre zu „Der Freischütz“ (C. M. v. Weber) mit dem Orchester des Nationaltheaters unter der Stabführung von Benjamin Reiners. Beim Anblick der Bildadaption des alten NT in B 3 sowie dem Trümmerfeld, flossen so manchem Mannheimer Zeitgenossen die Augen über.

Mir ist so wunderbar – das Quartett aus „Fidelio“ (Ludwig van Beethoven) prächtig von Heike Wessels, Bartosz Urbanowicz, Ji Yoon, Pascal Herington interpretiert folgte.

Wacht auf aus den „Meistersingern“ (Richard Wagner) wunderbar vom Chor des NT intoniert, weckte wehmütige Erinnerungen.

Danach erklang der Song I got plenty o´nuttin´ des Porgy (George Gershwin) von B. Urbanowicz gesungen. Die wirkungsvollen Bühnenbilder  des unvergessenen Paul Walter unterstrichen die Szenen in markanter Weise. Ach ja – das waren noch Zeiten, als man noch gerne auf die Bühne sah und spontan Szenenapplaus für  die sehenswerte Optik aufbrandete!

Uwe Eikötter und John in Eichen gaben sich mit Vivat Bacchus zu  „Die Entführung aus dem Serail“ (W. A. Mozart) musikalischen Trinkfreuden hin.

Erinnerungen an den viel zu früh verstorbenen grandiosen Bariton Mikel Dean wurden wach zu dessen persönlichen Erfolgs  „Der Spiegel des großen Kaisers“ (Detlef Glanert). Im visionär höchst beeindruckenden Szenenbild (Peter Theiler) aus dem Jahre 1995 sang Raymond Ayers sehr bewegend die „Arie des Kaisers“.

Ein weiterer musikalischer Meilenstein schloss sich an Tutte le feste – Si, vendetta mit der braven Gilda (Vera-Lotte Böcker) sowie dem famos intonierenden Jorge Lagunes (Rigoletto), gelungen die Adaption des Urbanowicz-Monterone  in der imposanten Bild-Perspektive von Sandra Meurer.

Den bewegenden Abschluss des „Geburtstags-Ständchens“ bildete Robert Dean Smith mit dem Chor-Ensemble des NT mit Nur eine Waffe taugt zum Finale des „Parsifal“ (Wagner).

In Feierlaune begab man sich sodann ins Foyer, gesellte sich mit gesponserten Getränken und Live-Musik unter die bereits eingetroffenen Premieren-Gäste (Schillers „Die Räuber) des Kleinen Hauses und hob die Gläser auf gutes Gelingen der nächsten 60 Jahre Nationaltheater.

Gerhard Hoffmann

 

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