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45 YEARS

16.09.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmCover 45 Years~1

Ab 18. September 2015 in den österreichischen Kinos
45 YEARS
GB / 2015
Regie: Andrew Haigh
Mit: Charlotte Rampling, Tom Courtenay, Geraldine James u.a.

Die Idylle ist unaufdringlich, aber evident. England, irgendwo am Land, wo es schön ist, aber nicht zu weit von London, wenn man einkaufen will. Ein großzügiges Haus, ein älteres Ehepaar, Kate und Geoff, gepflegte und nicht im geringsten greisenhaft wirkende Leute, sie offenbar eine ehemalige Lehrerin, er dürfte in einer großen Firma ein großes Tier gewesen sein. Sie sind wohl späte 60, seit 45 Jahren glücklich verheiratet, haben zwar keine Kinder, aber viele Freunde, und sie werden ihren Hochzeitstag in einem schönen Festsaal des Ortes feiern.

Aber die Erschütterung lässt nicht auf sich warten. Kate kommt mit dem Hund vom Spaziergang heim und findet den Gatten mit einem Brief in der Hand: Vor 50 Jahren ist seine damalige Geliebte Katya in den Schweizer Bergen tödlich verunglückt. Nun hat man ihre gefrorene Leiche gefunden. Und Kate spürt, wie Geoff mit seinen Gedanken in die Vergangenheit abgleitet – und sie selbst weiß, dass sie von dieser wichtigen Geschichte aus seinem Leben nie wirklich etwas erfahren hat.

Wie Katya nun als „unbewältigte Vergangenheit“ in den beiden wühlt, was zu Friktionen, aber keinen großen Szenen führt (We are british!), das ist das Thema dieses absolut „stillen“ Films von Andrew Haigh, der hier eine Kurzgeschichte von David Constantine verfilmte („In Another Country“), die man nicht kennen muss, um hinter die Feinheiten dieser psychologisch tief geschürften Problematik zu kommen.

Wie sehr vor allem das Unausgesprochene quält, wie die Zweifel plötzlich die Sicherheit einer jahrzehntelangen Gemeinschaft gefährden können (Kate fragt sich, ob sie ihr Leben nur dem Tod von Katya verdankt, die Geoff sicher geheiratet hätte, wenn sie nicht gestorben wäre)… Wie Kate in der Abwesenheit ihres Mannes (sie hat ihn zu einer Firmenfeier gebracht und wird ihn nachher wieder abholen) auf den Dachboden regelrecht „kriecht“, in Koffern stöbert und sich schließlich Dias von Katya ansieht, ein nicht schönes, aber rätselhaftes Gesicht…

Das ist vielleicht der Höhepunkt der Meisterleistung von Charlotte Rampling in dieser Rolle, wobei der innerlich verwirrte Geoff, der seine Gefühle nicht teilen will, von Tom Courtenay mindestens ebenso souverän gestaltet wird – minimalistisch beide, aber keine Sekunde manieriert, und beide für diese Gestaltung ihrer Rollen heuer bei den Filmfestspielen Berlin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet: Denn nur ihr Zusammenspiel macht einen so äußerlich so ruhigen, innerlich so aufgewühlten Film möglich und interessant.

Wenn die beiden am Ende zur großen Feier ihres Hochzeitstages zu den Melodien von einst tanzen und man weiß, dass diese Bindung vielleicht in Details zu hinterfragen, aber nicht zu erschüttern ist – dann ist das regelrecht berührend.

Wobei man, und auch das ist wichtig, nie das Gefühl hat, es gehe bloß um Oldies, die ja heutzutage niemanden mehr interessieren. Es geht um Beziehungen.

Renate Wagner

 

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