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360

22.08.2012 | FILM/TV

Ab 24. August 2012 in den österreichischen Kinos
360
GB  /  2011
Regie: Fernando Meirelles
Mit: Anthony Hopkins, Jude Law, Rachel Weisz, Ben Foster, Moritz Bleibtreu u.a.

Es gab im Sensationsjournalismus früherer Zeiten (bei uns in Bagdad ist das natürlich ganz anders!) eine bewährte Methode, ins Gespräch zu kommen: Man lancierte ein Gerücht, das höchstens einen Gramm Wahrheit, aber genügend Sensationspotential hatte, um als Schlagzeile wahrgenommen zu werden. Darauf folgte natürlich das Dementi, was die Geschichte höchstens zementierte. Und danach wurden Gerücht und der Widerruf diskutiert – und man hatte flächendeckende Medienpräsenz…

Man kann das Beispiel auf den Film „360“ des brasilianischen Regisseurs Fernando Meirelles ummünzen. Er hatte, wie er später gestand, nur eine ganz vage Idee, die er formal von Schnitzlers „Reigen“ nahm, dass Menschen quasi von einem zum anderen kopulieren – aber davon ist in dem Film, für den der vielschreibende Brite Peter Morgan das Drehbuch verfasste, absolut nichts geblieben. Eine vage Analogie – die Geschichte beginnt und endet mit einer Dirne, heute nennt man so etwas Nutte. Sie kommt hier, wie zeitgemäß, nachdem ein Fotograf (bezahlt in Naturalien) ihr Bild ins Internet gestellt hat, per Bus von Bratislava nach Wien, um Herren in Luxushotels zu bedienen… (Kein billiges Pantscherl in den Donauauen mit einem Soldaten wie bei Schnitzler.)

Im übrigen ist es eine Patchwork-Geschichte, wie sie in den Kinos so oft angeboten wird (meist nur als Vorwand, um möglichst viele Stars unter einen Hut zu bringen), und die Zusammenhänge der Geschichten sind vage. Ein Zahnarzt, der unglücklich in seine Assistentin verliebt ist, ein Vater, der seine verlorene Tochter sucht, eine Nuttenschwester, die Zuneigung zu einem Gangsterchauffeur fasst, kommen bei Schnitzler sicher nicht vor, ebenso wenig wie ein Verbrecher auf Urlaub oder ein Gigolo. Dafür wird man von dem Film um die halbe Welt geführt. Auch nicht neu. Man fragt sich, was der ganze Schnitzler-Unsinn in diesem Zusammenhang soll – ein höchst ärgerlicher Versuch, aus der Distanz von einem Jahrhundert noch einmal auszureizen, dass sich mit dem Stück „Reigen“ einst ein veritabler Skandal verband. Aber, wie gesagt, es hat ja funktioniert, jeder spricht von der „Schnitzler-Verfilmung“. Die Mechanismen, wie man Aufmerksamkeit erregt, sind wohl dieselben geblieben.

Die Spekulation auf große Namen und ein paar wirkungsvolle Schauplätze – Wien darf auch dabei sein, Paris, London, Denver, hier vor allem der Flughafen – geht kaum auf. Selbst ein schauspielerisches Schwerstgewicht wie Anthony Hopkins kann die labrige Rolle eines verzweifelten Vaters nicht wirklich interessant machen. Ganz zu Beginn darf – als Österreich-Beitrag negativen Zuschnitts – Johannes Krisch Fotos von der Slowakin schießen, die gerne das große Geld machen will (sympathisch normal: Lucia Siposová). Jude Law spielt irgendwie lustlos den zurückhaltenden Briten auf Dienstreise, der ganz gern mit der Dame ins Hotelbett ginge. Obwohl es nicht dazu kommt, wird er von seinem miesen Geschäftspartner (Moritz Bleibtreu legt los) erpresst. Zuhause in London betrügt ihn seine schöne Frau (Rachel Weisz) mit schlechtem Gewissen. Deren Playboy (Juliano Cazarré) hat eine schöne Freundin (Maria Flor), die verletzt das Weite sucht – in Richtung brasilianische Heimat. Als sie auf dem Flughafen von Denver hängen bleibt, geht sie nicht mit dem alten Mann (Hopkins), sondern mit einem  jungen Fremden ins Hotelzimmer: Dieser (der immer düstere Ben Foster) ist ein Sexualstraftäter auf Urlaub, aber nein – man wagt es, dies zu „spoilen“, weil die Spannung sich in Grenzen hält – , er bringt sie nicht um…

Das Drehbuch, das sich um die „360“ Grad dreht, dass man am Ende wieder bei der Slowakin ist, macht die Runde und landet ohne weitere Begründung bei den französischen Zahnarzt (der kleinwüchsige Jamel Debbouze), weil der Ehemann der vergeblich geliebten Assistentin Chauffeur von  jenem Gangster (Mark Ivanir) ist, der für das Finale in Wien wieder gebraucht wird. Allerdings fügt sich die Geschichte von Chauffeur (Vladimir Vdovichenkov als harter Mann, der auch zarte Gefühle kennt) und Nuttenschwester (die höchst reizvolle Gabriela Marcinkova) nicht wirklich sinnvoll ins Geschehen, obwohl sie als einzige so etwas wie – allerdings höchst vordergründig aufgesetzte – Poesie verbreitet.

Ja, worum geht es eigentlich? Nicht wie bei Schnitzler um dessen geniale Umkreisung des „Vorher“ und „Nachher“ des Beischlafs. Was man hier bekommt, sind einfach belanglose Episoden von geringem Interesse und unwesentlichem Zusammenhalt. Es wäre bedauerlich, wenn sich jemand aufgrund des geschickt ausgespielten Trumpf-As’ „Schnitzler“ in diesem Film locken lassen würde, denn die Karten für dieses Spiel hätten besser gemischt gehört.

Renate Wagner  

 

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