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31. DEZEMBER 2018

31.12.2018 | Allgemein, Tageskommentar


Zumindest das wünschen wir Toni Cupak!

Für unseren Chef Anton Cupak hat sich der vorletzte Tag des Jahres von seiner unerfreulichsten Seite gezeigt, als er mit seinem kranken Bein ins Spital musste. Es sollen aber nur ein paar Tage sein, bis die Ärzte das in den Griff bekommen. Bis dahin halten wir einen Notbetrieb aufrecht. Auch im Tageskommentar, der ohnedies so sehr von den Bemerkungen des „Chefs“ lebt, dass man ihn eigentlich bleiben lassen könnte, wenn er nicht da ist. Wie ich ihn kenne, hat er aber in kürzester Zeit einen Laptop bei sich, weil er seine Leser und die Online-Merker-Fans nicht im Stich lässt…

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ALLSEITS GROSSE SPANNUNG:  THIELEMANN UND DAS NEUJAHRSKONZERT

Dass Christian Thielemann heuer das Neujahrskonzert dirigiert, ist auf den Kulturseiten Thema Nr. 1. Die Wiener Philharmoniker streuten ihm alle Rosen, und es ist anzunehmen, dass sie es ehrlich meinen: „Wir haben lange gewartet auf dieses Neujahrskonzert mit ihm“, sagte Daniel Froschauer, der Vorstand der Wiener Philharmoniker, und versprach: „Es wird ein besonderes werden.“

Thielemann selbst, der von einer „jahrzehntelangen Freundschaft“ spricht, die ihn mit dem Orchester verbindet, scheint nicht nur Freude an der Johann Strauß-Musik zu haben, sondern auch die Arbeit daran besonders zu genießen, das Dosieren, das geschmackvolle Muszieren, einmal etwas anderes.

Außerdem will er, und da wird jeder Musikfreund ihm zustimmen, besonderes Augenmerk auf Josef Strauß legen: „Er instrumentiert besonders schön und hatte harmonisch wahrscheinlich am meisten Fantasie.“

Die Philharmoniker haben bei dieser Pressekonferenz, die in der ORF Mediathek zu sehen ist, übrigens klar gestellt, dass es dabei nur ums Neujahrskonzert geht. Die APA allerdings konnte sich bei ihrem Interview die Frage nach Nikolaus Bachler und die Thielemann-Zukunft bei den Osterfestspielen nicht verkneifen. Und sie erhielten die zu erwartende Antwort: „Kein Kommentar.“ Hoffentlich fällt den Salzburgern nicht zu spät ein, was sie mit der Bachler-Berufung getan haben. Naiv darf man heutzutage nicht sein – nicht in der Politik („Wir schaffen das“), und ebenso wenig  in der Kulturpolitik…

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SILVESTER-„FLEDERMAUS“ MIT STARKER ÖSTERREICHISCHER BETEILIGUNG IN DRESDEN

Wenn der Chef nicht zuhause ist, um das traditionelle Silvesterkonzert der Staatskapelle Dresden in der Semperoper zu dirigieren (bei solchem Anlass hat Thielemann ja schon die Netrebko als Operettendiva präsentiert), muss man hochwertigen Ersatz finden. Man hat sich nicht lumpen lassen: Für eine komprimierte Fassung der „Fledermaus“ (ohne Frosch, aber der ist ohnedies ein allzu wienerisches Vehikel) stand der Österreicher Franz Welser-Möst am Pult, hatten wir unsere erotische Elisabeth Kulman als Orlofsky geschickt und unseren Heldenton Andreas Schager als Alfred, dazu noch Michael Kraus als Frank. Eine schöne österreichische Phalanx.

Wäre es nach Welser-Möst gegangen, hätte er gern die Fally oder Maria Nazarova als Adele gesehen (als die ursprüngliche Besetzung durch Krankheit ausfiel), aber da setzte Direktor Dominique Meyer auf Nummer Sicher: „Ich brauche die Damen in Wien, ich riskiere nicht, dass sie dann hier ausfallen, weil sie zwischendurch nach Dresden zischen.“ Schade für Maria Nazarova, deren Karriere aber trotzdem nicht aufzuhalten sein wird.

Spektakuläre Krönung des Abends war die Besetzung des Eisenstein durch Jonas Kaufmann – da haben die Fernsehapparate wohl geglüht, als gestern Abend im zdf die Aufzeichnung des Ereignisses lief und die Fans ihren Münchner Otello nun ganz anders erleben wollten. Nun, wir haben es auch gesehen – Kaufmann war geradezu aufgezogen vergnügt, schmetterte Spitzentöne und trat diesbezüglich in edlen Wettstreit mit Schager, Endergebnis: unentschieden. Und Welser-Möst hatte das richtig lockere Handgelenk. Alles paletti – aber wenn man bedenkt, dass die teuerste Karte 31o Euro gekostet hat … na, mein Vater hätte gesagt: Ein stolzer Preis für eineinhalb Stunden.

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KRISTINE OPOLAIS IM SILVESTER-KONZERT VON BADEN BADEN

Silvesterkonzerte finden allerorten hoch besetzt (und teuer) statt, das Publikum gönnt sich dergleichen gern, In Baden-Baden singen Kristine Opolais und Pavel Cernoch, Oksana Lyniv leitet die Deutsche Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern. Die Sänger interpretieren Arien und Duette von Giacomo Puccini, Antonín Dvořák, Franz Lehár u. a.

Zu diesem Anlaß hat Kristine Opolais, deren 2011 geschlossene Ehe mit ihrem lettischen Landsmann, dem Dirigenten Andris Nelsons, heuer geschieden wurde und die eine zeitlang ziemlich abgetaucht ist, der Neuen Musikzeitschrift ein Interview gegeben. Sänger sind keine Gesangsmaschinen, sondern Menschen, deren Privatleben tief in ihr künstlerisches Leben eingreift. Unser Privatleben ist nun vorbei“, sagt Kristine Opolais. „Wir versuchen aber, unsere Tochter glücklich zu machen. Und natürlich ist es immer eine Freude, mit ihm zu arbeiten, weil er ein großartiger Musiker ist. (…) Ich habe neue Pläne und viel Energie. (…) Der wichtigste Wunsch ist, dass mein einziges Kind, meine wunderbare Tochter, glücklich und gesund ist. Wenn es ihr gut geht, dann bin ich die stärkste Person in der Welt.“

Kristine Opolais singt am 14. und am 18. Jänner die „Tosca“ in Wien, ihr Partner ist Vittorio Grigolo.

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ERL:  ISABEL KARAJAN ALS LIESL KARLSTADT

Freut man sich, wenn einem sein Kind weggenommen wurde und man zusehen muss, dass es ohne einen ganz gut weiterlebt? Ich versuche mir vorzustellen, wie es Gustav Kuhn geht, der sich „seine“ Festspiele Erl vermutlich nicht ohne seine Person vorstellen konnte. Der wohl auch nie vermutet hätte, dass „sein“ Hans Peter Haselsteiner ihn so ohne weiteres fallen lassen und einen Nachfolger bestellen würde? Egal, die Winterfestspiele Erl finden statt, wenn der interimistische künstlerische Leiter Andreas Leisner auch ein paar Umbesetzungskunststücke starten musste. Jedenfalls hat Friedrich Haider Bellinis „La sonnambula“ offenbar sehr zufriedenstellend dirigiert.

Am wichtigsten war jedoch die Uraufführung des erst 23jährigen Tiroler Komponisten Christian Spitzenstätter aus Wörgl. Die hat Kuhn einst selbst noch angekündigt, ahnungslos, dass er nicht mehr dabei sein würde.

„Stillhang“ ist die Geschichte einer berühmten „Liesl“, nämlich Liesl Karlstadt, die unabdingbare Partnerin von Karl Valentin, die von ihrem (verheirateten) Partner und Liebhaber allerdings nicht eben gut behandelt wurde. 1941 ist sie einfach nach Tirol abgetaucht, erfand sich neu, nannte sich „Obergefreiter Gustl“ und wurde auf der Ehrwalder Alm als „Stallbursche“ für die Muli-Tragetieren eingesetzt. Eine skurrile Geschichte mitten im Krieg – „ein tragikomischer Bilderbogen voller Poesie und musikalischer Eloquenz“, wie es im Pressetext heißt. Und der Komponist hat eine nicht alltägliche Orchesterbesetzung „mit viel Percussion, zwei Klarinetten, einem Saxophon, Klavier, Akkordeon und nur vier Streichern“ gewählt.

In der Hauptrolle der Liesl sieht man Isabel Karajan, ja, „die Tochter von…“, die nie unter diesem Motto gereist ist. Sie hat nie eine Spitzenkarriere angestrebt (die mit diesem Namen wahrscheinlich drin gewesen wäre), sie ist lieber in alternativen Projekten unterwegs, die sie teilweise selbst gestaltet. Hier verlangt ihr der Komponist nur Sprechgesang ab, kokettiert mit falschen Tönen und lässt die Protagonistin „Verzweiflung, Verlorenheit und Zerrissenheit“ ausagieren. Der junge Wiener Countertenor Thomas Lichtenecker hat Arien, die man klassisch nennen kann, und liefert, laut Kritik, berührende Momente.

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GÜNTHER GROISSBÖCK, DER STAR DER MÜNCHNER „VERKAUFTEN BRAUT“

Nun hat sich auch unsere Münchner Korrespondentin Gisela Schmöger mit einem Bericht zur neuen „Verkauften Braut“ an der Bayerischen Staatsoper gemeldet. Sie gewinnt dem „überdimensionaler Misthaufen“, den Regisseur David Bösch auf die Bühne gestellt hat, nicht viel ab, und sie ortete auch keine sonderliche Begeisterung im Publikum.

Fest steht allerdings, dass die Österreicher die Stars des Abends sind:

Günther Groissböck gab als Kezal einen herrlichen provinziellen Gernegroß, einen „Versicherungs- und Brautverkäufer“, der sich selbst für unwiderstehlich und allen anderen überlegen hält, aber so leicht auf den Trick von Hans hereinfällt. Am Ende ist er der Gelackmeierte, der von den Dorfbewohnern in den Misthaufen getaucht wird. Zwar erschöpfte sich die Komik dieser Figur auch schon vor Ende der Vorstellung. Dennoch hat es Spaß gemacht, ihm zuzusehen.

Und der Salzburger Wolfgang Ablinger-Sperrhacke hat offenbar eine Nebenrolle ziemlich ins Zentrum gerückt:
Das überzeugendste Rollenportrait des Abends brachte Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als verklemmter, stotternder, schüchterner Wenzel, der aber nach dem Ausbruch aus der engen Dorfwelt in die weite, freie Zirkuswelt zu seinem Selbstwertgefühl findet. Seine Stimme war fast zu schön und klar für diesen von Minderwertigkeitskomplexen beherrschten Charakter.

https://onlinemerker.com/muenchen-bayerische-staatsoper-die-verkaufte-braut-am-29-12-2018/

Und Opernfreunde sind wieder sehr dankbar, dass die Münchner uns ihre neuen Produktionen stets kostenlos und problemlos per Stream zukommen lassen – damit man selbst weiß, wovon die Rede ist. (Sonntag, 6. Jänner 2019)

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HEUTE ABEND:  PROGRAMMIERTER PREMIERENTRIUMPH AN DER „MET“ MIT „ADRIANA LECOUVREUR“

Üblicherweise sind wir der New Yorker „Met“ um ihre Besetzungen ein wenig neidig (ich zumindest). Aber der heutigen Premiere der „Adriana Lecouvreur“ kann der Wiener gelassen entgegensehen – denn wir hatten die Produktion ja schon. Die Besetzung mit Anna Netrebko und Piotr Beczala war wirklich ideal, und mit Elena Zhidkova stand eine prächtige Fürstin auf der Bühne. Die New Yorker machen schon a priori viel Lärm um Anita Rachvelishvili („Größter Mezzo unserer Zeit“ usw.), was Anna vielleicht nicht so gefällt. Aber es sollte unter der Leitung von Gianandrea Noseda, der nach längerer Pause an die Met zurückkehrt, einen programmierten Triumph geben. Die Österreicher dürfen dann am 12. Jänner wieder zur Met im Kino pilgern…

https://www.broadwayworld.com/article/NOSEDA-Returns-To-The-MET-New-Years-Eve-Gala-2018122

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IM KINO:  MARY SHELLEY

Der letzte Film des Jahres gilt einer Schriftstellerin, die lange Zeit Schwierigkeiten hatte, als Schöpferin ihres Werks anerkannt zu werden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schien es der Männerwelt ausgeschlossen, dass eine 18jährige (!!!) das Monster von Frankenstein erfinden konnte. Genau das hat Mary Shelley getan – und die arabische Regisseurin Haifaa Al-Mansour hat das mit Gefühl für die Zeit und ihre Probleme in einen schönen Kostümschinken gepackt. Im Zentrum: Elle Fanning als zarte, aber entschlossene Mary, deren Schicksal nicht beneidenswert war.

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LETZTE TAGE FÜR BRUEGEL (IM KUNSTHISTORISCHEN) UND MONET (IN DER ALBERTINA)

Wer in den letzten Tagen in der Wiener Innenstadt unterwegs war, sah die schier endlosen Schlangen von Ticket-hungrigen Kunstfreunden, die sich vor dem KHM und der Albertina anstellten, denn die Großausstellungen für Bruegel (bis 13. Jänner) und Monet (bis 6. Jänner) laufen bald aus. Die Albertina ist bereits ab 9 Uhr geöffnet (der frühe Vogel fängt den Wurm? außerdem ist dort Online-Buchen noch möglich), das Kunsthistorische (wo es derzeit keinen Online-Verkauf mehr gibt) verkündet für das Bruegel-Finale: Am letzten Wochenende bis 1 Uhr früh in die Ausstellung! Tickets ab 7.1., 9 Uhr online. Keine Frage, Direktorin Sabine Haag hat sich einen gloriosen Abgang verschafft.

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Jetzt bleibt uns nur noch, Anton Cupek eine schnelle und komplette Genesung zu wünschen. Und unsere Leser mögen in ein gutes, gesundes, glückliches und friedliches Jahr 2019 „rutschen“.

Renate Wagner

 

 

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