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26. NOVEMBER 2018

26.11.2018 | Tageskommentar

Berlin/ Komische Oper: CANDIDE von Leonard Bernstein. Anne Sofie von Otter und Tanzensemble. Copyright: Monika Rittershaus

Die Amüsierfabrik Komische Oper läuft wie geschmiert. Barry Koskys Vorliebe für Freaks und schräge Typen zündet auch bei dieser so heterogenen musikalischen Reiseerkundung mit pseudophilosophischer Attitüde aus der genialischen  Feder Leonard Bernsteins. Allerdings wird diese so typische amerikanische Operette in einer hanebüchenen deutschen Übersetzung gespielt. Als Dr. Pangloss muss Franz Hawlata den weisen Travel-Agent mimen und verfängt sich mit ausgeprägtem wienerisch Meidlinger „L“ (klingt ähnlich wie das im Russischen ausgesprochene L) in den Untiefen der überlangen Textvorlage. Nach 3 1/2 Stunden alles Jubel, Trubel, Heiterkeit. In einer launigen Ansprache begrüßt Hausherr Kosky drei eigens aus New York zur Premiere angereiste Mitglieder der Familie Bernstein. ..

Zum Premierenbericht von Dr. Ingobert Waltenberger

Ursula Wiegand liefert einen weiteren Premierenbericht unter dem Titel „Lenny auf Abwegen„: Ein Genie, wie Leonard Bernstein es war, kann in diversen Stilen komponieren. Würde jedoch sein „Candide“ im Radio erklingen, käme wohl kaum jemand auf den Gedanken, dass diese voll europäisierte Musik mit deutlichen Anleihen bei Johann Sebastian Bach über Richard Strauss, Gustav Mahler und Franz Lehár bis zu Kurt Weill vom Schöpfer der West Side Story sein könnte.

Womöglich lässt sich dieser Ausflug in abendländische Musiktraditionen mit Bernsteins zahlreichen Besuchen in Wien erklären, wo er von 1966 bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1990 als Dirigent der Wiener Philharmoniker oft gefeiert wurde. Einen Brief an seine Eltern hat er sogar mal mit: „Euer Wiener Schnitzel. Lenny“ unterzeichnet…

Zum Premierenbericht von Ursula Wiegand

Berlin/ Komische Oper
„Candide“ an der Komischen Oper Berlin: Ritter der Kokosnuss in Lederhosen
Optimisten waren Voltaire suspekt, deshalb schrieb er eine böse Satire über sie, und Leonard Bernstein machte daraus eine sarkastische, sperrige Operette. Barrie Kosky inszenierte sie an der Komischen Oper Berlin leider mit zuviel „heiligem Ernst“.
BR-Klassik
Humor ist, wenn man trotzdem lacht
DeutschlandfunkKultur
Koskys „Candide“: Sternschnuppenleuchten
Übertreibung, Parodie und Energie: Barrie Kosky inszeniert Leonard Bernsteins „Candide“ an der Komischen Oper.
Tagesspiegel
Kopftheater – Leonard Bernsteins „Candide“ an der Komischen Oper Berlin
Neue Musikzeitung/nmz.de

BERLIN/ Staatsoper: HIPPOLYTE ET ARICIE. Premiere am 25.11.2018

 

Simon Rattle dirigiert die Premiere von Hippolyte et Aricie an der Staatsoper Berlin
Simon Rattle kehrt an die Berliner Staatsoper zurück und verpasst Rameaus 1733 uraufgeführter Oper eine Frischzellenkur. Es singen u.a. Magdalena Kožená, Anna Prohaska und Elsa Dreisig. Die Inszenierung der britischen Choreographin Aletta Collins enttäuscht auf ganzer Linie. Auch Bühne und Lichtregie des Künstlers Ólafur Elíasson erfüllen trotz des virtuosen Lichtkonzepts nicht die Erwartungen.

Applaus, aber auch deutliche Buhs für das Regieteam. Die Premiere ist Teil der erstmals stattfindenden Barocktage an der Staatsoper Unter den Linden.
Konzert-und Opernkritik Berlin

L’Incoronazione di Poppea bei den Barocktagen der Staatsoper Unter den Linden
Die Geburtsstunde der Oper: Der junge Countertenor Kangmin Justin Kim und die patente Roberta Mameli brillieren als gewissenloses hohes Paar in Monteverdis spätem Meisterwerk über Intrige, Liebe, Eros und Gewalt.
https://konzertkritikopernkritikberlin.wordpress.com/2018/11/25/incoronazione/

LINZ: Musical EIN AMERIKANER IN PARIS. Premiere am 25.11.2018

Gernot Romic und Ensemble. Copyright: Barbara Palffy/Landestheater

Der 38-jährig an einem Gehirntumor verstorbene George Gershwin war ein brillanter Grenzgänger, der die (ohnedies konstruierten, trotzdem/deswegen aber oft verbissen verteidigten) Grenzen zwischen U- und E-Musik ignorierte und planierte. Neben dutzenden Kompositionen für diverse Orchesterbesetzungen und für Klavier schrieb er alleine 31 Revuen und Musicals, natürlich die Oper „Porgy und Bess“ und die Musik für etliche Filme, namentlich mit Fred Astaire. Parallelen zu den früh verstorbenen so fruchtbaren „Klassikern“ Mozart und Schubert bieten sich an – nicht zuletzt, als vieles aus deren Oeuvre ja auch „Gebrauchsmusik“, also Unterhaltungs- wie Hintergrundmusik war…

Zum Premierenbericht von Petra und Helmut Huber

HANNOVER: LE ROI CAROTTE – Opéra-bouffe-féerie von Jacques Offenbach

Die Macht wächst empor aus den tiefen Schlünden, wo es kalt, finster und feucht ist und man die Sohlen von unten sieht. Sie schraubt sich mit Hilfe magischer Kraft ans Licht und wankt als bedrohliche Schar in den Dunst, wie er in düsteren Krimis wabert. Das ist der Moment, in dem Jacques Offenbachs „König Karotte“ unheimlich wird.

Den Rest ihrer vier Akte und drei Stunden bleibt die köstliche Polit-Satire von 1872 in der Regie-Handschrift von Matthias Davids an der Staatsoper Hannover ein buntes Spektakel. Der Klamauk wuchert, wenn das Gemüse die Macht ergreift, denn der Herrscher des sagenhaften Reiches Krokodyne, ein Prinz namens Fridolin XXIV., hat alles Geld auf den Kopf gehauen und feiert mit Band, Mütze und blauer Pekesche mit einer fröhlichen Studentenschar: „Wir sind hier, gib uns Bier, wir haben Durst“ – Jean Abels Übersetzung trifft punktgenau…

Zum Bericht von Werner Häußner

MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: “ OTELLO “ – Premiere. Aus Shakespeare einen Ibsen gemacht

Der ganz große Wurf, die Premiere des Jahres“, war „Otello“ anscheinend nicht. Ich kenne die Inszenierung noch nicht (Stream am Sonntag, 2.12.), aber was ich so gelesen habe, hat die Regisseurin Amelie Niermeyer ein Ibsen-Drama aus Otello gemacht – und damit vor allem den Titelrollensänger in ein „Psycherl-Korsett“ gedrängt und viel von den Möglichkeiten genommen, die er „im Normalfall“ locker genützt hätte. Warum hat Jonas Kaufmann da überhaupt mitgemacht? Ein Sänger seiner „Preisklasse“ hätte den Krempel hinschmeissen können und dafür breites Verständnis geerntet.

Aus gut informierter Quelle ist zu erfahren: Dass er das Theater überhaupt mitgemacht hat, verstehe ich nur insofern, als sowohl Kaufmann wie auch Bachler velleicht gemeint haben, mehr „rangieren“ zu können. Ausserdem ist es halt in München… Petrenko und Bachler haben Kaufmann schon bei der Matineé mit Zuneigung überschüttet, man weiss jetzt warum. Petrenko hat ausserdem Kaufmann beim Verbeugen umarmt, auch ein Zeichen der Zuneigung und Unterstützung.

Klar kann man das Konzept so ansetzen, aber man muss es flexibler umsetzen..

Interessant der Bericht über die Premierenfeier SZ): Bachler nur kurz dabei, Petrenko, Harteros und Kaufmann gar nicht. Dafür Niermeyer und Finley mit Tross. Die Stimmung soll (auch nach privaten Augenzeugenberichten) kühl gewesen sein.

Nun weitere Kritiken, die eigentlich nicht wesentlich voneinander abweichen:

Verdis „Otello“ mit Jonas Kaufmann im Nationaltheater – die AZ-Kritik
Münchner Abendzeitung
Wenn Kirill Petrenko am Werk ist, lauscht man ganz genau: Der neue «Otello» in München bietet Szenen einer anderen Ehe
Für den Vierakter von Giuseppe Verdi an der Bayerischen Staatsoper wurde wieder das «Opern-Traumpaar» Jonas Kaufmann und Anja Harteros verpflichtet. Doch sind es diesmal andere Protagonisten, die am meisten überzeugen.
https://www.nzz.ch/feuilleton/otello-in-muenchen-szenen-einer-ehe-ld.1439423
Kein Glühen, kein Rasen
Anja Harteros und Jonas Kaufmann singen – trotzdem gerät Giuseppe Verdis „Otello“ nur zum Ehedrama.
https://www.sueddeutsche.de/kultur/oper-kein-gluehen-kein-rasen-1.4226042
Verdi reduziert auf Ibsen – Die „Otello“-Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper München kann nur musikalisch beeindrucken
Neue Musikzeitung/nmz.de
Fahle Inszenierung, leidenschaftliche Musik

Premiere von Verdis „Otello“ an der Bayerischen Staatsoper: Jubel für Jonas Kaufmann, Anja Harteros und Kirill Petrenko
Donaukurier
Das Geheimnis der Locken
München im Jonas Kaufmann-Fieber
Sueddeutsche Zeitung

Metropolitan Opera New York: Gianni Schicchi mit Placido Domingo

Placido Domingo als Gianni Schicchi. Foto: Sarah Krulwich

Metropolitan Opera 2018-19 Review: Il Trittico
http://operawire.com/metropolitan-opera-2018-19-review-il-trittico/

Placido Domingo feted at Met Opera for his 50th anniversary
https://www.mercurynews.com/2018/11/24/placido-domingo-feted-at-met-opera

Wie ein Gefangener eine Oper in Hamburg inszeniert
Kirill Serebrennikov ist in Russland zu Hausarrest verurteilt worden. In Hamburg soll trotzdem sein „Nabucco“ zu sehen sein.
Hamburger Abendblatt

Wieder einmal Manipulation der Presse: Es wird mit einem Fake-Foto gearbeitet, das Kirill Serebrennikov in Sträflingskleidung hinter Gittern zeigt (aus rechtlichen Gründen veröffenliche ich das Foto nicht, Sie aber können sich im Artikel davon überzeugen). In Wahrheit trägt Herr Serebrennikov  keine Sträflingskleidung, von Gittern ist (derzeit) keine Spur und die Location ist kein Gefängnis, sondern die Privatwohnung des sich unter Hausarrest befindlichen Regisseurs. Von dort aus kann er in Ruhe arbeiten, die Technik ermöglicht einen Dauerkontakt mit dem Opernhaus und ich vermute, dass es sich von dort aus bequemer arbeiten lässt als direkt vor Ort – mit all den nervenden (auch) Adabeis bei einer Neuinszenierung. Vielleicht ist das sogar das Arbeitsmodell der Zukunft!

Filme der Woche

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Nichts ist gut, darum geht es in „Alles ist gut“. Aber das bezieht sich nicht nur auf die Hauptfigur, sondern auch auf den Film von Eva Trobisch. Die Geschichte einer Frau, die vergewaltigt wird und darüber schweigt – mit diesem Themenansatz hat man das Werk, das zeitlich vor #metoo entstand, dann genau mit diesem Werbe-Aplomb verkauft. Aber es stimmt nicht. Der Film eignet sich inhaltlich nicht als Beweisführung für diese Thematik mit ihrem Macht-und-Gewalt-Anspruch. Und ist formal vage, die Machart entbehrt der Überzeugungskraft. Ungeachtet der Preisflut – beste Nachwuchsregisseurin auf dem Münchner Filmfest, bester Debütfilm in Locarno. Klar, wenn dann großartig „über die möglichen Zusammenhänge zwischen Schweigen und Gewalt in einem ökonomisch kontextualisierten Geschlechterverhältnis“ nachgedacht werden kann… Da hat der Kritiker zu verstummen.

„Alles ist gut“ fällt in eine neue Tendenz der „Undeutlichkeit“. Man lobt es als „lebensecht“, weil man in dem Patchwork von teils zusammenhanglosen Szenen nicht viel versteht, auch akustisch nicht. Das Leben ist kein Film, sicher. Aber Film ist auch nicht Leben. Man stoppelt sich als Betrachter das Schicksal von Jenne und ihrem unfreundlichen Freund Piet zu mühsam zusammen, schau mal, Zuschauer, was du kapierst. Finanziell am Ende, die beiden, entsprechend gereizt. Letztendlich werden sie sich trennen. Als Zuseher zuckt man die Achseln – man hat an keinen von den beiden besonderen Anteil genommen…

WIEN: 25.000 Besucher bei „Die großen Meister“ in der Votivkirche (nur noch bis 2. Dezember)

 

Noch bis zum 2. Dezember zeigt das Kunsterlebnisevent „Die großen Meister“ die bekanntesten Kunstwerke der Menschheit wie Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ und das weltberühmte Fresko „Das Abendmahl“, sowie den 5 Meter hohen David von Michelangelo und 50 weitere Meisterwerke in einer Ausstellung. Jetzt konnten die Veranstalter den 25.000 Besucher in der Wiener Votivkirche begrüßen.

Ich wünsche eine schöne Woche

A.C.

 

 

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