Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

25. NOVEMBER 2018

25.11.2018 | Tageskommentar

München/ Otello: Geteilte Meinungen in den Medien. Anja Harteros, Jonas Kaufmann. Copyright: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

Bei mir gingen gestern die Wogen hoch. Der Hör-Bericht des Bloggers Anton Schlatz stand lange Zeit als einzige Meinung in der Suchmaschine Google. Im „Kaufmann-Lager“ gab es Aufregung. Dann kam Susanne Kittel-May mit ihrem Kurzbericht, der so ziemlich das Gegenteil  ausgesagt hat. Nun gab es noch größeren Ansturm auf Redaktionsmail und Telefon. Daneben hatte ich noch Umbauarbeiten in der Galerie mit einem Maurer, der im dunklen Anzug zur Arbeit erschien und in dieser Montur arbeiten wollte.  Zum Glück funktionieren meine Nerven, denn das muss man erst einmal aushalten.

Erst langsam träufelten Zeitungskritiken ein  – und aus denen wird man nicht klüger. BR-Klassik jubelt, Manuel Brug schreibt natürlich einen Verriss.

Was, wem soll man nun glauben. Ich will nicht meinungsbildend sein, nur darüber berichten, was so auf die Redaktion losgelassen wird.

Ich bin nun weder Kaufmann-Fan“ noch „Kaufmann-Hasser“ (ein böses Wort, aber nicht ganz unzutreffend), mir hat der Tenor persönlich völlig „wurscht“ zu sein, ansonsten wäre ich hier völlig fehl am Platz.

Eine Bemerkung erlaube ich mir aber schon: Mit dieser Hype muss ein Mensch erst einmal fertig werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Management die Erwartungen in derartige Höhen schraubt, die Fans sind sicher nicht schuldlos. Lassen Sie mich ein Beispiel aus dem Sport bringen. Wenn ein Hochspringer 2,40 Meter überspringt, ist das zwar eine Weltklasseleistung, aber keine Sensation. Wenn er sich die Latte auf 2,50 legen lässt (Weltrekord ist 2,45 m) und scheitert, ist das eine Enttäuschung und er erntet auch Spott und Hohn. Ähnlich verhält es sich bei gehypten Sängerstars.

Balgen Sie sich mit den Berichten bitte selbst herum, diese sind keineswegs tedenziös ausgesucht, sondern all das, was ich gefunden habe:

Innige Töne und ein Elementarereignis
Im Juni 2017 debütierte Jonas Kaufmann in London als Otello in Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper, jetzt singt der 49-jährige Startenor die mörderische Partie in einer Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper – mit heldischer Kraft und hauchzarten Tönen.
BR-Klassik
Münchens neuer „Otello“: Im kalten Feuer
Münchner Merkur
Münchner Opernpublikum feiert „Otello“-Premiere
Münchner Abendzeitung
Bilder des Tages: München im November: Staatsoper feiert „Otello“-Premiere
Vierstellige Summen sollen für Eintrittskarten für die Münchner Premiere des Jahres gezahlt worden sein, in der Lokalmatador Jonas Kaufmann die Titelpartie sang.
https://www.sueddeutsche.de/muenchen/bilder-impressionen-stadt-november-1.4193609
Shakespeares Tragödie als politisch korrekte Zimmerschlacht

Die Welt.de
Otello als „Nerd“: So richtig nett ist’s nur im Bett

In der Bayerischen Staatsoper gibt Jonas Kaufmann unter Kirill Petrenkos Leitung den Otello in einer Regie, die es erst im zweiten Teil mit Shakespeare und Verdi aufzunehmen versucht.
Die Presse

Dr. Klaus Billand, ein „Wagner-Weltreisender, „meldet sich zu Wort:

Ich habe heute Morgen mit Interesse die Rezensionen der Zeitungen im Tageskommentar gelesen. Einige sind ja wirklich schwach, wie die der SZ, sowas von oberflächlich. Ich denke aber, dass Manuel Brug bezüglich Kaufmann und auch die Presse mit Josef Schmitt sowie Markus Thiel vom Münchner Merkur richtig liegen. So ähnlich habe ich Kaufmann im Sommer in München auch als Parsifal gehört, unglaublich ökonomisch, bis auf den Ausbruch im 2. Aufzug kaum einmal mit ganzem Potenzial hervortretend, in der Mittellage bisweilen fast schon baritonal, oft mit Mezzavoce… Möglicherweise geht er mittel- bis langfristig zum Bariton. Ich glaube, man muss die ganze unsachliche Hype des Münchner Publikums für einen auch noch Münchner Sänger hier bei einer seriösen Rezension vergessen, ebenso wie die Anrufe bei Dir in der „Strichelei“ (Anm.d.Red.: gemeint ist unsere Geschäftsstelle/Galerie). Und man sollte auch mal auf die Nebenrollen eingehen! Ziemlich sicher weit daneben liegt wohl die sängerische Beurteilung Kaufmanns von Fridemann Leipold in Bayern Klassik. Sowas! Und der SZ ging es wohl mehr um die vermeintlich gezahlten vierstelligen Summen für Premierenkarten, dass einige Besucherinnen ihr „Nerzerl“ aus dem Schrank geholt haben, sowie um den Kurzhaarschnitt von Jonas Kaufmann als Otello…

Berlin/ Komische Oper: Premiere Candide von Leonard Bernstein.

Der Premierenbericht ist soeben eingetroffen, wir befassen uns morgen Montag näher damit:

Alan Clayton (Candide) und Tanzensensemble. Foto: Monika Rittershaus.

Zum Premierenbericht von Ingobert Waltenberger

Wiener Staatsoper: Heute La Cenerentola mit Umbesetzung der Titelrolle

Die erste Vorstellung von „La Cenerentola“ am Sonntag, 25. November 2018 muss Serena Malfi kurzfristig krankheitsbedingt absagen. An ihrer Stelle gestaltet Margarita Gritskova die Titelpartie.

Antonino Siragusa singt den Don Ramiro, Paolo Rumetz den Don Magnifico, Sorin Coliban den Alidoro und Ileana Tonca die Clorinda. Ihre Staatsopern-Rollendebüts geben Orhan Yildiz als Dandini und Miriam Albano als Tisbe.

Es dirigiert: Jean-Christophe Spinosi.

Reprisen: 27. und 30. November

HEUTE AUF „ARTE“: 23:00: Die Italienerin in Algier

Bereits zu den Pfingstfestspielen 2018 hatte die Neuproduktion von Rossinis „Italienerin in Algier“ in Salzburg Premiere. Die Intendantin selbst – die große Cecilia Bartoli – verkörpert Isabella mit ihrem unbestechlichen Mezzosopran.

Wiener Staatsoper: LA BOHÈME mit einem „Traumschwiegersohn der 50er.Jahre“

Benjamin Bernheim (Rodolfo), Marina Rebeka (Mimi). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Peter Skorepa berichtet: Das Hauptpaar, Rodolfo und Mimi wurden von dem in Paris geborenen Tenor Benjamin Bernheim und der Lettin Marina Rebeka liebevoll dargestellt. Der neue Senkrechtstarter – äußerlich ganz Typ Wunschschwiegersohn aus den Fünfzigern – mit einem in den unteren Lagen gut klingenden Mezzavoce und in der Höhe mit einem durchschlagskräftigen lyrischen Tenor versehen, weiß auch stimmlich mit angenehmen Timbre zu gefallen. Dass sein Aufstieg zum berühmten C seiner Arie sich als nicht so ganz mühelos erwies, sei nicht unerwähnt, immerhin, er war „oben“. Und seine Partnerin ersang sich im Stiegenhaus der Mansarde dafür ihren Hochton mühelos und bekam alles Mitgefühl des Publikums für die mitreissende Emphase ihres Vortrags im dritten Akt und vor allem in ihrer Todesszene.

Mariam Battistelli, Clemens Unterreiner. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Das zweite Paar des Abends hatte in Clemens Unterreiner den schier die ganze Bühne schauspielerisch beherrschenden Maler Marcello aufzubieten, während man sich in seiner Angebeteten, der ungemein hübsch und zart wirkenden Äthiopierin Mariam Battistelli alles, nur keine männermordende Mätresse vorstellen konnte, auch wenn sie ihr Chanson so wunderbar sang…

Zum Bericht von Peter Skorepa

WIENER STAATSOPER: „POLITISCHES THEATER“ –  WIE GEHT DAS? IST „STAATSOPER 4.0“ DAMIT GEMEINT?

OE24.TV (Fellner) überträgt heute (Samstag) den ganzen Tag den SPÖ-Parteitag und ich zappe gelegentlich hinein. Bin da gerade rechtzeitig zur Abschiedsrede von Christian Kern gekommen und er hat in dieser u.a. auch Thomas Drozda für die Bestellung des Staatsopern- und Burgtheaterdirektors gedankt und in einem Nebensatz gesagt: „Ich freue mich schon auf politisches Theater.“ Hat er damit – unabsichtlich – bereits veraten, was Staatsoper 4.0 bedeutet? (H.S.S)

Wien/ Theater an der Wien: TESEO – die Serie geht dem Ende entgegen

Zwei Rezensionen haben wir noch anzubieten:

WIEN/ Theater an der Wien: TESEO von G.F.Händel – am 21.11.2018

Es ist immer ein Ärgernis, wenn nicht eine Beleidigung der Intelligenz des Publikums, wenn Ort und Zeit der Handlung die Szene ad absurdum führen. Moshe Leiser & Patrice Caurier — das »&« deutet darauf hin, daß es sich hierbei um eine Firma handelt — verlegten die Handlung in einen Palast Ende der 40er-, Anfang der 50-er Jahre des vorherigen Jahrhunderts. Das funktioniert. Leidlich.
Nein, es funktioniert natürlich überhaupt nicht…

Zum Bericht von Thomas Prochazka

Händels TESEO (Vorstellung vom 23.11.

Gaëlle Arquez, die am Theater an der Wien bereits 2013 als Idamante in Mozarts „Idomeneo“ und an der Wiener Staatsoper als „Armide“ reüssierte, war der Motor des ganzen Abends, der leider erst ab dem Zweiten Akt in Erscheinung treten durfte. Ihr voluminöser Mezzosopran war völlig im Einklang mit der betrogenen und enttäuschten Figur der Medea. Gesanglich und darstellerisch war diesem „monstre sacré“ an diesem Abend wahrlich niemand gewachsen. Die norwegische Sopranistin Mari Eriksmoen musste als stiefmütterlich gekleidete Prinzessin Agilea den ersten Akt mit eher langweiliger Musik tragen. Die in Taschkent geborene usbekische Mezzosopranistin Lena Belkina gab einen quirligen Buben Teseo, mit einer hellen und gut geführten Stimme, der besonders in den Duetten aufhorchen ließ…

Zum Bericht von Harald Lacina

LINZ/ Landestheater/ Black Box: THE TRANSPOSED HEADS von Peggy Glanville-Hicks nach einer Erzählung von Thomas Mann. Premiere am 24.11.

Europäische Erstaufführung einer 64 Jahre alten Oper

Etelka Sellei und Ensemble. Copyright: Sakher Almonem

Es geht darin um zwei Bewohner des Dorfes „Wohlfahrt der Kühe“: einen wohlgestalten, doch von Antlitz häßlichen Schmied (und damit in einer niedrigen Kaste), Nanda. Sein Freund, ein gebildeter Kaufmann, ist Bramahne und eher wie ein Spaghettisultan (© Erste Allgemeine Verunsicherung) gebaut, verfügt hingegen über ein schönes Gesicht; sein Name ist Schridaman. Natürlich wird die Geschichte von einem love interest in Gang gebracht: die junge, von Mann überaus schwelgerisch und plastisch beschriebene Bewohnerin des Dorfes Buckelstierheim, Sita. Auf Vermittlung Nandas heiraten Schridaman und Sita, scheinen glücklich; doch kommt heraus, daß Sita beim Sex mehr an den athletischen Nanda denkt als an ihr Ehegespons.
Die drei verreisen miteinander, verirren sich und geraten an den Tempel der Weltenmutter Durga/Kali. In selbigem wird Schridaman von Frust ob der inneren Untreue seiner Gattin übermannt und schlägt sich mit einem Schwert den Kopf ab. Nanda, der ihn findet, befürchtet, als Mörder dazustehen und tut es ihm gleich. Schließlich findet Sita die Leichen und setzt sie, nach einem gescheiterten Selbstmord, mit Durgas Hilfe wieder zusammen – aber in ihrer „Huschlichkeit“ den schönen Kopf Schridamans auf den athletischen Körper Nandas und gegensinnig vertauscht die verbliebenen Teile. Doch wer der beiden neu komponierten Männer ist nun Sitas wahrer Ehemann?..

Zum Premierenbericht von Petra und Helmut Huber/ Linz

Wien/ Konzerthaus: DER PROZESS von Gottfried von Einem nach Franz Kafka. Konzertant am 22.11.2018
„Ein unzeitgemäßes Zeitstück?“

 

Das Konzerthaus lud im Rahmen seines Wien Modern-Festivals zu einer konzertanten Aufführung von Gottfried von Einems Oper „Der Prozeß“. Die Oper wurde 1953 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Sie beruht auf Franz Kafkas Romanfragment
Konzerthaus: „Der Prozeß“
http://www.operinwien.at/werkverz/einem/aprozess.htm

WIEN / TheaterForumCenter:  DAS GEHEIMNIS DER DREI TENÖRE von Ken Ludwig
Produktion der Neuen Bühne Wien /. Premiere bei den Wachaufestspielen Weißenkirchen
17. Juli 2018. Premiere in Wien: 23. November 2018, besucht wurde die zweite Vorstellung am 24. November 2018

 

Wahrscheinlich gibt es kaum einen Wiener Theaterbesucher mittleren Alters, der „Othello darf nicht platzen“ nicht gesehen hat – schließlich spielte die Josefstadt dieses Stück von Ken Ludwig 19 (!!!) Jahre lang (von 1990 bis 2009) in den Kammerspielen, in 470 Vorstellungen, wo im Lauf der Jahre alle Rollen alternierend besetzt wurden. Nur eine nicht: 470mal legte Otto Schenk als Tito Merelli seine liebevolle Pavarotti-Parodie auf die Bretter…

Ken Ludwig, Jahrgang 1950, hat viele Stücke geschrieben, aber keines, das berühmter wurde (obwohl „Moon over Buffalo“, die Geschichte einer amerikanischen Tournee-Aufführung der „Widerspenstigen“, auch sehr hübsch war). Ein Tenor ist ein Tenor ist ein Tenor, auch auf dem Theater, und weil Ken Ludwig vermutlich damit Millionär geworden ist, schickte er „Lend me a tenor“ von 1986 in ziemlichem Respektabstand nun eine Fortsetzung mit großteils denselben Figuren nach: „A Comedy of tenors“ kam 2015 in Cleveland heraus und heißt nun in der österreichischen Fassung „Das Geheimnis der drei Tenöre“. Drei Tenöre gab es ja, und so lange Tito Merelli einer von ihnen ist…

Zum Bericht von Renate Wagner

Proteste in Frankreich: Macron wird bereits mit Marie Antoinette verglichen
https://www.tagesschau.de/ausland/paris-ausschreitungen-101.html

Tumulte in Paris

Ein in Frankreich lebender Freund macht mich darauf aufmerksam, dass in den europäischen Medien die Situation in Frankreich ziemlich beschönigt wird. Der als Messias gehandelte Emmanuel Macron hat es spielend geschafft, die Unbeliebtheitswerte der Präsidenten Hollande und Sarkozy zu toppen. In Frankreich wird der Mann, der sich als Monsieur Europa“ sieht, bereits mit Marie Antoinette verglichen. Deren Ende ist bekannt.

Mich stört die Berichterstattung in den Medien. Eine weitgehend friedliche Demonstration anderswo mit 2000 Teilnehmern wird total hochgespielt, was in Frankreich passiert wird hingegen verniedlicht – aus leicht durchschaubaren  Gründen. Gewiss kann es nicht die Aufgabe der Zeitungen sein, Panik zu erzeugen, Ängste zu schüren – aber bitte dann nirgendwo!

Einen schönen Sonntag wünscht

A.C.

 

 

 

Diese Seite drucken