Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

24. JULI 2018

24.07.2018 | Tageskommentar

„Die Walküre“ in München. Anja Kampe und Jonas Kaufmann. Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

Sonntag wollten die Merker-Heft-Chefredakteurin Sieglinde Pfabigan und Redakteur Klaus Billand die Münchner „Walküre“ besuchen. Beide hatten aber noch keine Karte – aber Klaus Billand ersteht seine Karten oft erst im „Direktverkauf“ (mit der Bezeichnung Schwarzhandel muss ich vorsichtig sein), er ist ein „Karten-Profi“. Doch diesmal hatte selbst er keine Chance, auf die Idee „Karten im Schlussverkauf“ sind zumindest weitere 80 Personen gekommen – zuviel für unsere österreichisch-deutsche Delegation. Also gingen beide zuerst einmal gemütlich in das Spatenhaus und später zu einem Konzert, weil es ohne „Abendkultur“ nicht geht. Ich wäre in einen Biergarten ausgewichen und dort sitzen geblieben.

Sogar den „Konzertgänger in Berlin“ (Albrecht Selge) hat es in die Bayrische Metropole verschlagen (der Konzertgänger schickt dem Online Merker regelmäßig seine Eindrücke), ungeachtet der Gefahren, die dort auf ihn lauern:

Bisschen stillhalten als Berliner an der Bayerischen Staatsoper, nicht rausposaunen, woher man ist. Erstens weil das Berliner Welthauptstadttum eh alle Welt nervt, zweitens weil man ja den Münchnern demnächst diesen enormidablen Chefdirigenten entführt. Der Sonderlevel von Kirill Petrenko beweist sich auch in dieser hochkarätig besetzten Aufführung der Walküre, im Rahmen der Münchner Opernfestspiele. Weiß Gott mehr als ein Zwischenstopp für den Wagnerianer auf dem Weg nach Bayreuth…

Zugegeben, die Inszenierung von Andreas Kriegenburg wirkt etwas halbgar, und da es sie schon seit sechs Jahren gibt, wird sie wohl nicht mehr gar werden. Indes, die Münchner scheinen sie liebgewonnen zu haben. Das zeigt etwa der folkloristisch wirkende Buhsturm zu Beginn des dritten Aufzugs, als noch vor Einsatz der Musik leichtbekleidete Wunschmaiden einen wüsten Stampftanz veranstalten, etwas an den ESC-Beitrag eines Balkanstaats erinnernd: Der Protest wirkt wie Tumult aus Gewohnheit. Dabei ist das ein eindrucksvolles Bild, die ekstatischen Frauen zwischen drei Meter hohen Speeren, auf denen hoch in der Luft tote Helden aufgespießt sind…

Aber wegen der Regie ist ja keiner hier. Schon eher wegen Jonas Kaufmann, der seinen ausgebeulten Trainingspyjama (wie aus einer Hartz-IV-Reality-Soap) mit männlicher Würde trägt. Als Siegmund verbindet er virile Urkraft und Gesangszartheit, dass man sich beim Hören ganz blöd stellen möchte und fragen, warum macht das eigentlich nicht jeder Siegmund so? Tja. Kein Angebertum, auch wenn er durchaus mit Wer-hat-den-längsten-Wälseruf glänzt. Kaufmann verdrückt manches Tränchen im Kehlkopf, ohne dem Heldentum was schuldig zu bleiben. Dennoch stellt sich manchmal, wenn auch nur leis, ein Eindruck von sängerischer Routine ein. Oder ist das nur eine leise Scheu, weil Kaufmann den Siegmund zuvor jahrelang nicht mehr in Szene gegeben hat?..

Lesen Sie doch selbst weiter, auch in den Berichten der Kulturjournalisten, die von der Bayerischen Staatsoper zur Berichterstattung als würdig befunden waren:

Konzertgänger auf Reisen: „Die Walküre“ in München
https://hundert11.net/walkuere-muenchen/
Gefeierte Walküre mit Kampe und Kaufmann in München
Kurier
Bayerische Staatsoper Jonas Kaufmann als Siegmund in der „Walküre“
Münchner Abendzeitung
Grandios
Ein Ereignis: Anja Kampe, Jonas Kaufmann und Nina Stemme
https://www.sueddeutsche.de/kultur/kurzkritik-grandios-1.4066257.

München: „Orlando Paladino“. Gestern Premiere im Prinzregententheater

Erster Eindruck (Radioübertragung) von denPublikumsreaktionen nach der gestrigen Premiere:

Jubel für alle, nur wenige Buhs für das Regieteam.

Baden-Baden: ADRIANA LECOUVREUR – „netrebko-los“

Tatjana Serjan, Migran Agadzhanyan. Copyright: Andrea Kremper/ Festspiele

Der 26-jährige Migran Agadzhanyan (Schüler u.a. von Renata Scotto) kam, sang und siegte. Der gebürtige weißrussische Sänger reüssierte bereits am Mariinsky-Theater sowie an diversen italienischen Bühnen und gastiert zur nächsten Saison in Geneve und Lyon, ein Tenor-Talent geprägt von exzellenter Musikalität und kultivierter Vokalise. Als rivalisierendes Objekt weiblicher Begierden ging der junge Spund nicht nur optisch eindeutig als Sieger hervor. Zu prächtigen höhensicheren Aufschwüngen präsentierte Agadzhanyan tenoralen Schmelz, herrliche Kantilenen in Verbindung eines wunderbaren Timbres und avancierte mit dieser vortrefflichen Leistung zum Publikums-Favoriten…

Absolut heimlicher Star der Aufführung war manch aufsehenerregender Sängerleistung zum Trotz: Valery Gergiev mit dem betörend aufspielenden Mariinsky Theater Orchester. Standen der Titelheldin jene raumgreifenden Vokal-Emotionen weniger zu Gebote, verstand es Maestro Gergiev diese umso mehr orchestral zu offenbaren. Seidenweiche elegische Streicherklänge umschmeichelten die lyrischen Formationen vereinten sich mit auftrumpfend mächtigen Instrumental-Dimensionen zur farbenreichen Klangpracht der veristischen Partitur…

Zum Bericht von Gerhard Hoffmann

Ehe Bayreuth und Salzburg abheben: Vom Amerikaner Conrad L. Osborne erschien letzte Woche das Buch „Opera as Opera. The State of the Art“.

 

http://www.dermerker.com/index.cfm?objectid=49450800-8AB3-11E8-87C200155D083264

»Opera as Opera« ist kein Buch für jene, die Oper als gesellschaftliches Ereignis betrachten. Es ist ein Buch für eingefleischte Opernfreunde. Und empfohlene Pflichtlektüre für alle, welche als Opernsänger ihren Lebensunterhalt bestreiten (wollen) oder in ihrem Berufsleben mit dieser Kunstform zu tun haben: Politiker, welche Intendanten ernennen, Direktoren und Dramaturgen, Dirigenten, Regisseure, Kostüm- und Bühnenbildner.

Bayreuth: Noch einmal schlafen, dann ist der Laden für heuer offen

Auszug aus „Sueddeutsche Zeitung“: Es fällt leicht zu beschreiben, was Katharina Wagner nicht ist. Sie ist weder leise noch diplomatisch, weder dezent noch dauerfreundlich, weder ein Schöngeist noch eine Mimose. Wenn Kathrina Wagner in den Raum kommt, denken Wagnerianer an eine Walküre. Solches Auftreten macht angreifbar. Aber Angriffe stimulieren Katharina Wagner, sie ist sie gewohnt. 1978 in Bayreuth geboren, wuchs sie dort als Urenkelin des Komponisten Richard Wagner auf und sollte nach dem Willen ihres Vaters Wolfgang seine Nachfolgerin auf dem Bayreuther Intendantensessel werden. Nach vielem Hickhack hat sie das 2008 geschafft, und seither wird ihr aus jeder Absage eines Sängers, Dirigenten oder Regisseurs ein Strick gedreht…

Inszeniert Tatjana Gürbaca den nächsten Bayreuther „Ring“. Foto: Agentur

...Immer wieder dreht sie die alten Männerstücke durch den Fleischwolf des Feminismus. Schon aus dem „Holländer“ 2002 hat sie das Stück einer Frau gemacht, die partout aus der patriarchalischen Welt des Vaters raus will. Im „Tristan“ erzählt sie von einer Zwangsheirat, nicht in fernen oder rückschrittlichen Zeiten, sondern hier und heute in Bayern. Frauenfeindlichkeit ist keine Domäne des Opernbetriebs.

In zwei Jahren steht Richard Wagners riesiger Vierteiler „Der Ring des Nibelungen“ zur Neuinszenierung an. Es wäre nur logisch gewesen, wenn sich Katharina Wagner endlich selbst an dieses die Menschheitsgeschichte deutende Hauptwerk gemacht hätte, als Festspielchefin könnte sie sich ja leicht als Regisseurin verpflichten. Sie wird es nicht tun. Stattdessen soll es dem Vernehmen nach Tatjana Gürbaca machen. Das wäre das erste Mal, dass eine Frau den „Ring“ in Bayreuth inszeniert und somit ein Coup…

Richard Wagner durch den Fleischwolf des Feminismus drehen
Die Regisseurin Katharina Wagner ist eine große Ausnahme im zutiefst männlich geprägten Opernbetrieb. Als Intendantin von Bayreuth könnte ihr ein historischer Coup gelingen.
Sueddeutsche Zeitung

Zum Lohengrin:

Der Schwan wird schon mal von einem Auto durch Bayreuth gezogen. Foto: Facebook

SKY überträgt morgen bereits ab 15 h. Die Premiere wird zeitversetzt auch in viele Kinos übertragen. In Wien gibt es nur ein Kino, das den Lohengrin anbietet (unsere zugewanderten Mitbürger sind in den seltensten Fällen Opernfreunde, deshalb ist der Lohengrin ein zu hohes Risiko). Wer spielt in Wien? UCI in der Wehlistrasse. Über Wienerberg hätte man mit mir noch reden können, aber wenn ich schon ins „Ausland“ fahre, dann gleich nach Bayreuth.

Einige zum Thema passende Presseberichte

Waltraud Meier letztmalig in Bayreuth „Ortrud ist sehr politisch“
Im diesjährigen Bayreuther „Lohengrin“ singt Waltraud Meier die Ortrud. Es wird ihr letzter Auftritt auf den Festspielen sein. Im Interview spricht sie über die Figur der Ortrud, die Inszenierung von Yuval Sharon – und über Wagners Frauenbild
BR-Klassik

„Lohengrin“ Piotr Beczala: „Da muss man einfach zugreifen
BR-Klassik

Christian Thielemann hat eine gute Zeit in Bayreuth
Christian Thielemann, Richard Wagner und die Bayreuther Festspiele – das gehört inzwischen fest zusammen. Der Dirigent macht aus seiner Bewunderung für Wagners Musik keinen Hehl. Nun vollendet er sein Bayreuth-Programm – als zweiter Dirigent der Festspiel-Geschichte
Hamburger Abendblatt

Salzburger Festspiele:

Salzburg
Franz Welser-Möst: „Wir haben eine Intendantenkrise“
Franz Welser-Möst dirigiert die Wiener
Der Stardirigent spricht über das Opern-Business und einen mutmaßlichen Festspiel-Höhepunkt
Kurier

Salzburg/ Festspiele
Mozarts „Zauberflöte“ mit Matthias Goerne: „Hier ist der Tod im Spiel“
Erste Premiere der Salzburger Festspiele ist Mozarts „Zauberflöte“. Und nicht nur Matthias Goerne als Sarastro garantiert dafür, dass alles anders wird als bei diesem Hit üblich. Ein Interview
Münchner Merkur

Bad Ischl: Thomas Blondelle triumphiert als grandioser Prinz im „Land des Lächelns“
Dramatisches Musiktheater wird selten mit der Operette in Verbindung gebracht. Das Land des Lächelns von Franz Lehár ist eine Ausnahme. Selten enden Operetten so tragisch wie hier, im Normalfall umfängt die Figuren sorglose Glückseligkeit beim Happy End. Im Land des Lächelns muss sich das Liebespaar am Ende trennen. Der chinesische Prinz und die österreichische Grafentochter können ihre kulturellen Unterschiede nicht überwinden und dem Druck der chinesischen Traditionen nicht standhalten
Klassik begeistert
Ein Mittelweg durchs Land des Lächelns

Bad Ischl: Ambivalente Premiere von Franz Lehárs Operette bei den Festspielen
Oberösterreichische Nachrichten

STUTTGART: „A REID ANDERSON CELEBRATION“  – Festwoche zum Abschied des langjährigen Intendanten (1996-2018) 13.-22.7. – Teil 3

Rosen zum Abschied für Reid Anderson. Copyright: Stuttgarter Ballett

 Das Abschluss-Wochenende wurde von 2 Galas bestimmt. Zunächst diejenige der John Cranko-Schule als Dank für den unermüdlichen Einsatz Andersons für den Schul-Neubau und die enge Anbindung ans Stuttgarter Ballett. Über genügend weiteren Nachwuchs aus dem eigenen „Stall“ muss sich auch Nachfolger Tamas Detrich keine Sorgen machen…

Zum Bericht von Udo Klebes

Zum Salzburger „Jedermann“:

Ich weigere mich, Kritiken über eine Jedermann-Premiere im Festspielhaus an dieser Stelle einzustellen. In der Presseschau finden Sie diese ohnedies. Der „Jedermann“ gehört auf den Domplatz, eine Premierenkritik über eine Notlösung im Festspielhaus ist meiner Meinung nach nicht seriös und eine Abjubelung von Pressekarten.

Der Fall Mesut Özil – wissenschaftlich betrachtet

Der Online-Merker wird in allen Kreisen gelesen. Die „Staatlich anerkannte Fernhochschule der SRH in Riedlingen schickt uns eine Analyse

Auf Grund des ausführlichen Statements des Profi-Fußballer Mesut Özil zu seinem Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten überschlugen sich die Reaktionen. Nicolas Fink, Experte für Öffentlichkeitsarbeit im Sport an der SRH Fernhochschule und Geschäftsführer des BASF Tennisclub e.V., hat die Kommunikationsereignisse einmal aus fachlicher Sicht analysiert. Sein Fazit: „Heutzutage bedeutet die Vorbildfunktion der Sportler nicht unbedingt, fehlerfrei zu sein, aber sein Verhalten sachlich zu reflektieren und zu bewerten. Das heißt wenn Fehler passieren, diese einzugestehen oder bei kommunikativen Missverständnissen – wie im Fall Özil – diese öffentlich zu erläutern und auszuräumen“, so Fink…

...Özil äußerte sich über 70 Tage nicht dazu und blieb dadurch weiterhin Gegenstand von Spekulationen in der Öffentlichkeit. Dabei wurde zwischen Politik und Sport ein Zusammenhang hergestellt, auch wenn Özil nun klarstellt, dass das Bild für ihn keine politischen Hintergründe hatte. Fakt ist dennoch, dass das Bild während einem Wahlkampf und unmittelbar vor einem Turnier mit Länderidentifikation gemacht wurde. Gerade schon aufgrund dieser beiden äußert relevanten Situationen hätte er früh für Klarheit sorgen müssen… Den gesamten Artikel lesen Sie in unseren „Infos des Tages“

Natürlich wird weiter frisch-fröhlich und politisch polemisiert. Der deutsche Außenminister Maaß trifft mit seiner Aussage den Nagel auf den Kopf: „Ein in London lebender Multimillionär ist nicht eben typisch für das Migrationsproblem in Deutschland“.

Ich wünsche einen schönen Tag!

A.C.

 

Diese Seite drucken