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19. JULI 2019 – Freitag

19.07.2019 | Tageskommentar

Uber diesen „Rigoletto gehen die Meinungen auseinander. Heute Abend können Sie sich im Fernsehen Ihre eigene Meinung machen, wenngleich diese angesichts der doch ganz besonderen Atmosphäre vielleicht ungerecht ausfallen mag.  Bregenz ist wohl weltweit einzigartig: An nahezu dreißig Abenden muss dort die Tribüne allabentlich mit 7000 Besuchern gefüllt werden – und das gelingt auch problemlos. Stellen Sie sich vor, die Wiener Staatsoper spielt dreißig Mal in Serie „La traviata“ oder „Aida“ – also Publikumsrenner (nicht etwa „Die Weiden“). Selbst bei einem Drittel des Fassungsvermögens hätte unser 99,8 %-Direktor Auslastungsprobleme. Bayreuth braucht im Schnitt 6 Opern, um weniger als ein Drittel von Besuchern zu erreichen. Mit den „arroganten Festspielen“ in Salzburg möchte ich keine Vergleiche anstellen – das wäre wiederum von mir nicht ganz gerecht.

Der Bodensee hilft den Seefestspielen (no na!) zwar ungemein, aber ein vor allem technisch einmaliges Spektakel ist die Voraussetzung, die Veranstalter nicht im wahrsten Sinn des Wortes „baden gehen zu lassen“. Es scheint mir ungerecht, wenn „typische Opernkritiker“ bemäkeln, dass innige Duette mit Abstand von 50 und mehr Metern (natürlich technisch verstärkt) gesungen werden – eine derart riesige Bühne muss man nutzen, die Darsteller dürfen sich nicht in einen finsteren Bühnenwinkel verdrücken. Man darf derartige Spektakel nicht mit engen Maßstäben messen, das Bregenzer Publikum ist zum überwiegenden Teil auch kein typisches Opernpublikum. Es will übrigens auch nicht belehrt (das bleibt dem Herrn Bundespräsident bei der Eröffnung vorbehalten) , sondern unterhalten werden (ein garstiges Wort im heutigen Theater).

Peter Bilsing (hier mit Tochter Arabella) , bekannt als „Der Opernfreund“ (www.deropernfreund.de) motzt bei „normalen Opernvorstellungen“ oft gehörig herum – von Bregenz zeigt er sich angesichts der besonderen Situation begeistert. Foto: Selfie

Manfred A. Schmid ist der Premierenkritiker dieses Jahr in Bregenz: Viel wurde im Vorfeld der Premiere von Verdis Rigoletto vom Wunderding des die Bühne dominierenden Clown-Kopfs berichtet. Tatsächlich hat man es hier mit einem technisch imponierenden und erstaunlich manövrierbaren Charakterkopf zu tun, der dem Betrachter die zunehmende Desintegration von Persönlichkeit sowie gesellschaftlicher Stellung der Titelfigur in all ihren Phasen drastisch vor Augen führt. Beweglich ist dieser Kopf und in die Handlung als vielfältiger und wandlungsfähiger Schauplatz zentral miteinbezogen. So dient seine Mundhöhle als bevorzugter Ort der Verführungsszenen am Hofe des Herzogs von Mantua, doch auch auf seinem kahlen Kopf wird in Parallelaktionen ständig herumgetanzt und gehüpft. Und wenn er gerade nicht selbst als Bühne genützt wird, dann reckt er neugierig seinen Hals in die Höhe und nach allen Seiten, rollt die Augen und verdreht seinen Kopf, damit er das jeweilige Geschehen stets genau im Visier behält. Weitere Spielorte sind seine Halskrause, die sich, je nach Bedarf, in bespielbare Flächen aufteilt, die dann nur noch durch Stege miteinander verbunden sind (ein weiterer Hinweis auf den fortschreitenden Prozess persönlicher und sozialer Desintegration), sowie seine Hände, die seitlich aus dem Wasser hervorragen…

Zum Premierenbericht von Manfred A. Schmid

Karl Masek hatte die Aufgabe, die langjährige Bregenz-Kritikerin des Merker-Hefts, Elena Habermann, in Bregenz zu ersetzen. Lassen wir ihm einige Worte zur Besetzung sagen, denn „nur Spektakel ist der Bregenzer Rigoletto“ auch wiederum nicht:

Verdientermaßen besonders gefeiert wurde die „Gilda“ der blutjungen französischen Sopranistin Mélisa Petit. Für viele d i e. Neuentdeckung des Abends! Man braucht keine prophetischen Gaben, um ihr eine große Karriere vorauszusagen. Wunderbar lyrisch und von weich getönter Färbung ist diese urgesunde Stimme, gerundet von der gehaltvollen Mittellage bis zu stratosphärisch klaren , auch stimmlich mühelos erkletterten (!) Höhen, ganz ohne jegliche Schärfe. Darstellerisches Potential inbegriffen. Man wünscht dem „Newcomer“ die nötigen, behutsamen Schritte der Weiterentwicklung ohne Raubbau an der kostbaren Stimme.

Der 38-jährige, in Philadelphia geborene Tenor Stephen Costello war ein macht- und selbstbewusster, draufgängerischer Herzog mit der nötigen Portion „Italianitá“ und unerschrockenen, sicheren Spitzentönen. Ein glaubhafter Frauenjäger und früher ≠metoo-Auslöser. Da passte auch der etwas monochrome Stimmeinsatz im oberen Mezzoforte-Bereich.

Der bulgarische Bariton Vladimir Stoyanov war in der Titelrolle mit weichem, schön timbriertem, aber kräftemäßig mitunter an Grenzen stoßendem Organ ein perfekter Täter/ Opfertyp. Mitleid war ihm sicher. Machtvolle Steigerung jedenfalls bei „Cortigiani…“ und der immer unwiderstehlichen Stretta. Da spielte dann auch der See mit, wenn der Hofnarr im Furor des Zorns einige Höflingsstatisten, die eben noch eifrig gespottet hatten, ins Wasser schmiss…

Zum Premierenbericht von Karl Masek

Und nun zu den unterschiedlichen Zeitungskritiken

Rigoletto“ als Spiel auf dem See
Alles beginnt mit dem grell schwarz-weißen Höfling Marullo oben auf dem riesigen Narrenkopf, der in der Manier des Conférenciers aus dem Film „Cabaret“ ein Handy-Verbot ausspricht und mit Gags in den Abend einführt.
Münchner Abendzeitung
Der Horrorclown vom Bodensee
Die Presse
Rigoletto – ein kluges Opernspektakel
Wiener Zeitung
„Rigoletto“ – Ein mechanisches Wunderwerk und musikalische Spitzenleistungen auf der Seebühne Bregenz
Eine phänomenale Inszenierung – vielleicht gar eine Weltsensation: Dieser „Rigoletto“ auf der Seebühne, die uns in den vergangenen Jahrzehnten schon so viel Staunenswertes und Bewundernswürdiges geboten hat, wird Geschichte machen. Der Regisseur und zugleich Bühnenbildner Philipp Stölzl hat hier einen grandiosen Wurf zustande gebracht, der dieser so erfolgreichen Oper mit dem größten Opern-Gassenhauer aller Zeiten („La donna è mobile“) eine neue, völlig andere Dimension erschließt…
Charles E. Ritterband berichtet von den Bregenzer Festspielen
Klassik-begeistert
Kaffeefahrt-Spektakel – Verdis „Rigoletto“ verkommt zum Vielerlei auf der Bregenzer Seebühne
Neue Musikzeitung/nmz.de
Himmelfahrt am Bodensee
Das Spektakel war technisch perfekt, das Wetter traumhaft und der Bodensee in Bestlaune: Ein Auftakt nach Maß bei den Festspielen in Bregenz. Philipp Stölzls Regiekonzept für seinen „Rigoletto“ war durchaus poetisch, aber auch hektisch – berührend war dieser Verdi nicht.
BR-Klassik
So ist der „Rigoletto“ – Bregenzer Bühnenspektakel zum Staunen
Kurier
Rigoletto in Bregenz – Menschen, tiere Sensationen
Der Standard
Fröhliche Zirkuswelt? „Rigoletto“ in Bregenz
Sueddeutsche Zeitung

Ein Tipp meinerseits: Lassen Sie sich von keinem Kritiker Ihre Meinung einreden, beurteilen Sie heute im TV selbst!

Auch die „Hausoper“ (ohne Spektakel!) wurde bei der Premiere wohlwollendst aufgenommen: Bregenz: „Don Quichotte“ als umjubelte Dekonstruktion
Nach Philipp Stölzls spektakulärem „Rigoletto“ auf der Seebühne am Mittwochabend, kann auch die zweite große Premiere der Bregenzer Festspiele 2019 als Erfolg verbucht werden: Regisseurin Mariame Clement dekonstruiert im Festspielhaus Jules Massenets „Don Quichotte“ als Spiel über die Männlichkeit, als Theaterreflexion über das Theater – ein Kunstgriff, der aufgeht.

https://www.vol.at/don-quichotte-als-umjubelte-dekonstruktion/6289564

München/Opernfestspiele: So war der Liederabend von Anna Netrebko
Opernfestspiele: Der Liederabend von Anna Netrebko und Malcolm Martineau im Nationaltheater
Münchner Abendzeitung
Bussis und Blütenträume
Anne Netrebkos Liederabend bei den Opernfestspielen
Sueddeutsche Zeitung
Magiefaktor 12: Anna Netrebko singt in München in einer eigenen Liga

Darf ein Kritiker schwärmen? Darf er begeistert sein? Darf er seine Bewunderung preisgeben?
Nach meiner „Kritik“ über Anna Netrebkos Liederabend in Baden-Baden erreichten mich zahlreiche Zuschriften. Die eine Hälfte war ebenso begeistert wie ich. Die andere Hälfte sagte, ich habe zu dick aufgetragen.
Ich bleibe bei meiner Meinung!
Klassik begeistert

In Bayreuth beginnen heute die Generalproben –

Und in einer Woche geht es dann so richtig los! Wir bleiben „am Ball“!

Opernfestival Garsington : Erlkönigs Lockgesang schwirrt durch die Nacht
„The Turn of the Screw“
Frankfurter Allgemeine

FOTOS ZUM ZWEITEN TEIL „ALMTRIEB“ BEI DEN TIROLER FESTSPIELEN ERL

Zum Bericht von Isolde Cupak

„Ensemble Modus 21“. Copyright: Xiomara Bender/ Tiroler Festspiele.

Julia Kriechbaum und Freya Tuppy spielten sitzend ein charmantes Geigen/Bratschen Duo von Bruno Maderna. Foto: Xiomara Bender/Festspiele Erl

Der dritte Teil „Almtrieb“ (Konzeption Valentin Lewisch) findet dann am kommenden Montag (22. 7.) in Erl/Festspielhaus statt.

SOMMERFESTIVAL KITTSEE/ Burgenland (bei Bratislava). Die CARMEN Serie wird auch dieses Wochenende fortgesetzt!

6. Vorstellung Freitag, 19. Juli 2019 19:30 Uhr TICKETS
7. Vorstellung Samstag, 20. Juli 2019 19:30 Uhr TICKETS

BAD REICHENHALLER PHILHARMONIKER: „Der Thumsee brennt“ findet am Samstag statt

 

Ob das Klassik-Open-Air „Der Thumsee brennt“ dieses Jahr stattfinden kann, war wegen des durchwachsenen Juli-Wetters lange ungewiss. Der ursprünglich geplante Termin am 13. Juli musste wegen Bibberkälte und Dauerregen um eine Woche verschoben werden. Jetzt ist die Entscheidung endgültig gefallen: Am kommenden Samstag wird der Thumsee ab 20 Uhr für die Bad Reichenhaller Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Christian Simonis zur Konzertarena. „Die meisten Wetterprognosen stimmen mich sehr zuversichtlich, dass wir ein echtes Sommerspektakel erleben“, sagt Felix Breyer, der Geschäftsführer der Philharmoniker. „Die vielen treuen Fans von ,Der Thumsee brennt‘ in Reichenhall und weit darüber hinaus haben das auch verdient“, so Breyer.

Salzburg: Die neue und die alten Buhlschaften
Eine Fotoserie
Die Presse

Wien: Erbschaft stürzt Filmakademie Wien ins Chaos
Ein Professor hat der Filmakademie 100.000 Euro vermacht. Diese flossen an einen Verein, ohne Wissen des Uni-Rektorats. Die Institutsleiterin trat zurück, ebenso ihr Nachfolger
Der Standard

Politik: EU-Kommissar-Kandidat Hahn: Bierleins Uraltpolitik
Die Österreichische Regierung schlägt Johannes Hahn als EU-Kommissionsmitglied vor
Der Standard

Was uns diese vielbejubelte „Expertenregierung“ gekostet hat, werden wir erst in einigen Monaten wissen. Vielleicht grenzt sich dann der Jubel etwas ein.

EU-Kommissar Hahn ist jedenfalls der große Gewinner. Eine Verlängerung seiner Amtszeit war wirklich nicht vorgesehen. In einigen Monaten werden wir auch wissen, was uns dieses „Nervenwegschmeissen“ nach dem „Ibiza-Video“ insgesamt gekostet hat.

Ich wünsche einen schönen Tag!

A.C.

 

 

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